© Foto: Albert Weis, VG Bild
Eröffnungsrede von Jörg Sperling
Liebe Kunstfreund*innen, lieber Michael Kress und Michael Kruscha!
Hier – Kulturappendix am Sozialbau der 1920er, umrahmt von Autobahn samt Zubringer, Halbleerstand im Alten Zollamt, Leonardo-Hotel und Pennyparkplatz. Offene, leere Räume? Niente! Alles ausdefiniert! Aber dann doch Abbrüche und wirre Querungen. Gar einen Katzensprung weiter, am Moldauhafen, plötzlich technisch aufbereitete Leerflächen. Ist dieser Ort nicht eine herausfordernde Schnittstelle, frag ich Sie?

Aus dem Hintergrund wirkt der „Kurze Olaf“. Und eröffnet den Umkehrschluss: die „Elbtower“-Investruine von Benko/Scholz des Architekten David Chipperfield. In der SZ äußerte er: „Ein Vorschlag, den ich ziemlich reizvoll fand, lautete, es so zu belassen, wie es ist, als Denkmal für eine kapitalistische Zeit.“
Allerdings treten aktuell leider andere Besetzungsideen auf den Plan! Aber derzeit ein markantes Leerzeichen im Stadtbild!
So hat das Umfeld mich in seinen Bann gezogen und darüber habe ich die kunsthistorische Spur des Leeren von Malewitsch bis ZERO etwas aus den Augen verloren. Haben Sie Nachsicht!
Und überraschenderweise bietet Hamburg noch einen ganz anderen Aspekt jenes Leerseins, nämlich mit dem Werk von Caspar David Friedrich. In der Dresdner Ausstellung 2024 wurde ein Kontrast inszeniert, der nicht nur mich faszinierte, u.a. auf die damalige Kritik samt fülliger Gegenwand aus den Akademieausstellungen des frühen 19. Jahrhundert zurückgriff. Damals wurde der Vorwurf gegen seine Malereien laut, es herrsche die „Leere“. Genau, die meditative Ausstrahlung seiner Kompositionen beruht auf der reduzierten, geklärten Komposition mit oft weitem Horizont. Ganz im Gegensatz zu zeitgenössischen Werken!
Also ein Kontrastprogramm – es bietet den Rahmen für die hier präsentierten Werke. Ich hoffe, Sie finden das ebenso. Und setze ein Fragezeichen?
Leerraum: Klein, aber fein. Einatmen, Aufnehmen, Einsenken.
Irgendwo hat der „Leerraum“ seinen Ursprung als Lebensrealität, als Gedanke und selbstredend als künstlerischer Vorwurf.
Ausgangspunkt, den der gebürtige Lausitzer Michael Kruscha – Kurator und Künstler – als Kranfahrer im Tagebau am eigenen Leibe spürte, war und ist die reale Umbruchslandschaft um Hoyerswerda und weit darüber hinaus. Insbesondere aber aus den eigenen Erfahrungen der Reduzierungsarbeit am Bild, diese LEER-Idee zu entwickeln.
Denn im Lausitzer Revier wirkte die nachindustrielle Abgeräumtheit, die durch Devastierung, Abriß und Rückbau vielerorts Leerstellen und Brachen in den ausgekohlten Landstrichen hinterlässt, unmittelbar bis in den Galerieraum hinein. Was eben nicht nur eine Übergangslandschaft mit ihren Restzeichen und Anschlüssen von der ehemaligen Nutzung charakterisiert, sondern ebenso in den Köpfen rumort. Jenen Zustand als „Leerraum“, als kreatives Potential – weit über die Lausitz hinaus – zu begreifen und sinnhaft zu durchdringen.
An der nun schon 4. Station, neu gemischt, aber eben auch auf die Räume hin reduziert und zugleich verändert durch Beiträge ansässiger Künstler*innen. Auch das eine Eigenheit des Projektes, das nun schon ins 4. Jahr geht. Startpunkt war der Kunstraum Braugasse in Hoyerswerda. Dann folgte die Erweiterung im BLMK Cottbus unter dem Titel „Leerraum weiß/schwarz“ und schließlich die Version „Leerraum 3.0“ in gänzlich anderer Kulturlandschaft, in der Wiesbadener Walkmühle vor einem Jahr.
Die 21 Künstler*innen aus Fern und Nah sind hier und heute mit 36 Werken präsent. Wobei es in den Arbeiten weniger um radikales Abräumen, gar um eine ikonoklastische Geste, als vielmehr darum geht, künstlerische „Umgangsformen“ zu verdeutlichen. Ein Kunstwerk, ein Bild, entfaltet von Natur aus Gesprächsangebote und erweckt somit im betrachtenden Gegenüber, also in uns, ein Selbstgespräch. Dies ist Ihnen, meine Damen und Herren, sicherlich ein willkommener Anlass, die Nase in Bilder zu stecken. Oder liege ich da falsch?
Wenn jedoch dem Bildwerk das Offensichtliche – Motiv, Gegenstand, Perspektive usw. – größtenteils abhandengekommen ist, quasi die Überzeugungskraft des Darstellenden zum Schweigen tendiert, dann wechselt das auf eine andere Ebene. Womit sich unterschwellig Resonanzräume eröffnen, die gar asketische Qualitäten entfalten sowie vor allem zum Meditieren einladen.
Vielleicht lassen sich, um einen ersten Überblick zu gewinnen, vier unterschiedliche Herangehensweisen aus den künstlerischen Positionen herausfiltern. Am Anfang künstlerischer Prozesse steht häufig das leere, weiße Blatt Papier oder die grundierte Leinwand. Hier treffen wir zuerst auf minimierte, enthaltsame Eingriffe und „Randerscheinungen“, die viel von dieser Grundfläche unberührt belassen oder nur minimal strukturieren. In Werken von Dronkers, Kobayashi, Taubert, Uhde, Wesenberg und mit anderen Mitteln bei Schweppe korreliert die solitäre Formsetzung mit der „beruhigten“ Leere.
Eine entgegengesetzte Position offenbaren uns die Bilder von Bartels, Gottsmann, Kruscha, Lunn und Winckelmann. Denn augenscheinlich entstehen ihre „leer geräumten“ Kompositionen aus der Reduzierung, dem Übermalen und Wegnehmen, dem Verringern und partieweisen Auslöschen. Manchmal wirkt das wie eine Restlandschaft oder eben landschaftliche Restlesbarkeit.
Eine weitere Gruppe ruft mit vorgetragener Fülle, die darunter oder dahinter zu erahnende Leere hervor oder erzeugt mit Dekonstruktion und Herausnahme ein durchscheinendes Binnengefilde. Wie wir es auf unterschiedliche Weise bei Ates, Casanueva, Coldewey, Lange und Regin beobachten können. In einigen Bildfällen ließe sich klar von poetischem Minimalismus sprechen.
Last not least konturiert sich eine Werkgruppe, in der sich das Angefüllte bildhaft in Entleertes verwandelt oder umgekehrt. Fehling, Geiszler, Hogrebe, Kim und Weis verfolgen einen Prozess der Wandlung, in dem die Gegensätze noch nicht aufgehoben, sondern zwischen Präsenz und Leerraum in der Schwebe gehalten werden. Und uns Betrachter*innen überlassen, welchem Zustand wir gern folgen mögen.
Eigentlich müsste ich an dieser Stelle auf jede der spannenden Einzelpositionen näher eingehen. Aber dazu ist leider nicht der Raum. Deshalb, liebe Kunstliebhaberinnen, möchte ich Sie wenigstens darauf verweisen, dass wir dem Kurator Kruscha Statements verdanken, die er den Künstlerinnen zu ihrer Position abverlangte und die hier nachlesbar ausliegen.
Jörg Sperling

















