KUNSTORTE/ PROJEKTE/ GRUPPEN VERLAGERN IHREN HANDLUNGSRADIUS AUF DIE ELBINSEL – DAS HYCP VEDDEL SPACE JAHRESPROGRAMM 2026
Hospitalität klingt im täglichen Sprachgebrauch wie eine freundliche Zuwendung, die man anderen schenkt oder von ihnen erhält. Oft wird Hospitalität im Common Sense positiv und bedingungslos, fast selbstlos verortet. Doch was bedeutet Hospitalität, wenn der Gastgeber die Bedingungen definiert und der Gast sich an die Maximen und Paradigmen einer anderen Vorstellung von Kultur anpassen muss? Hospitalität wirft Fragen auf: Wer ist Gast? Wer gibt zu welchem Preis an wen und warum?

In unserem Jahresprogramm möchten wir Hospitalität zugewandt verstehen und die Verantwortung an andere Akteure übertragen, die in den Räumen auf der Veddel ihre Version von Gastgebersein definieren. Mit dieser Art der »freundlichen Übergabe« laden wir Künstler*innen und Gruppen ein, den Ort neu zu definieren, anders zu bespielen und als eingeladene Gastgeber andere Gäste aus der Nachbarschaft so anzusprechen, dass diese sich angesprochen und eingeladen fühlen.
Die Projekte, die wir dieses Jahr einladen, stellen ein nicht repräsentatives Spektrum von dem, was es in Hamburg an künstlerischer Selbstorganisation, Kunstorten und Projekten gibt. Die Auswahl versucht, besonders beispielhafte Formate zu zeigen. Eingeladen werden auch Projekte, die schon mehrfach auf der Veddel ihre Arbeit vorgestellt haben und so in diesem Kontinuum andere, neue Qualitäten von Jahr zu
Jahr definieren und weiterentwickeln können.
»Sich mit Gastfreundschaft zu befassen, bedeutet die ihr innewohnende Aporie zwischen Unbedingtheit und gesetzlich regulierter Bedingtheit in den Blick zu nehmen: zwischen der bedingungslosen Öffnung gegenüber Aufnahme von allen und allem, das unterwegs ist, und an der gastfreundlichen Aufnahme interessiert einerseits, und an den Ausgrenzungen und Ausschlüssen, die sich durch im Feld gesetzte Regeln legitimieren, andererseits«.
Hospitality – Zur Ambivalenz der Gastfreundschaft, Beatrice von Bismarck

Doch was bedeutet es, wenn Künstlerinnen in Städten wie Hamburg beginnen, sich erst um die eigenen und dann um die Belange ihrer direkten politischen Umgebung zu kümmern? Welche Fragen werden gestellt, wenn sich Kunst in der Mitte des Alltags platziert? Was passiert, wenn sich Kunstakteurinnen an die Ecken der Quartiere stellen, wenn Kunst versucht, sich ohne Eintrittskarte der Distinktion zu öffnen?

Wenn Künstlerinnen ihren gewohnten Habitus ablegen und sich als ästhetische Möglichkeit auf offene und solidarische Nachbarschaften einlassen? In Hamburg gibt es Viertel, in denen Künstlerinnen leben und ihre Ateliers haben. Nach wenigen Jahrzehnten werden sie von dort vertrieben und müssen neue Stadtteile finden. Dies erscheint als Möglichkeit, Sichtbarkeit für Kunst und Künstlerinnen zu gewährleisten. Die Stadtplanung unternimmt immer wieder Versuche, diesen Prozess der Aufwertung von Quartieren zu steuern.

Dabei werden stereotypische Nachbarschaftsmodelle installiert, ohne auf die spezifischen Realitäten der einzelnen urbanen Mikrokosmen einzugehen. Es wird immer wieder aus einer exekutiven Distanz heraus gedacht, dass Kunst Freiraum bedeutet, ohne die Unfreiheit ihrer Akteure zu verstehen. Umso interessanter ist es, wenn Künstlerinnen versuchen, mit ihrer spezifischen ästhetischen Praxis andere Wege der integralen Stadtteilarbeit auszuprobieren. Seit mehr als fünf Jahren versuchen wir, tatsächlicher Bestandteil dieser Nachbarschaft zu werden. Dieser Versuch bedeutet, eingenommene Erwartungen, wie etwas sein soll, zu verlassen und den eigenen Erfolg in der Andersheit des Verlaufs als primäres Ziel zu haben. Nach einer halben Dekade kann man wenige, aber doch einzelne Momente erkennen, die zeigen, wie dieses Verfahren von Kunst in Nachbarschaften gelingen könnte.

Ebenso interessant ist, dass manche Stadtteile quasi per se als nah und andere als weit weg für den Kunstdiskurs empfunden werden – wörtlich und im übertragenen Sinn. Oft hört man, dass der Stadtteil Veddel so weit weg sei, obwohl er nur drei S-Bahn-Stationen vom Hauptbahnhof entfernt ist. Aus diesen verschiedenen Momenten heraus möchten wir andere Kunstorte, Projekte und Künstlerinnen-Gruppen einladen, zu uns in den Stadtteil und in unsere Räume zu kommen und mit einer »freundlichen Übernahme« ihre eigenen ästhetischen Konzepte in der Nachbarschaft der Veddel zu installieren. Wir laden dazu ein, mit den Institutionen, Gruppen und Nachbarschaften der Veddel zusammenzuarbeiten. Die eingeladenen Projekte kommen aus der Peripherie der Republik, dem Kunstzentrum Berlin oder aus abseitigen Nachbarschaften. Mit diesem Jahresprogramm eröffnen wir einen Austausch von Positionen, Vorstellungen und Handlungen. Die Ausrichtung des Vorhabens richtet sich ebenso an die Menschen um uns herum, die Kunst als etwas erleben, das einfach nebenan vorhanden ist, gegenüber von Penny, wie an die Kunstakteurinnen, die ihr eigenes Handeln in einem verschobenen Kontext erproben können.
Text: Michael Kress, Hamburg 2025